Mehrwert durch Teilhabe hat viele Dimensionen
„Wir sind alle Experten für das Wohnen“: Im Rahmen ihres Vortrags über den „Mehrwert der Teilhabe beim Bauen und Wohnen“ unterstrich wagnis-Vorständin Rut Gollan (Foto Till Budde) die wichtige Rolle der Teilhabe in der Architektur. Beim 30. Berliner Gespräch des „Bund Deutscher Architektinnen und Architekten“ (BDA) referierte sie Anfang Dezember im Deutschen Architektur Zentrum in Berlin.
Zum Ausgangspunkt nahm Rut Gollan, selbst Architektin, den Vortrag „Bauen Wohnen Denken“ von Martin Heidegger, den der Philosoph 1951 im Rahmen der Darmstädter Gespräche gehalten hatte. Darin plädierte er für eine ganzheitliche Sichtweise, Wohnen sei viel mehr als nur Errichten von Bauten und deren Nutzung. Bauen und Planen seien ein Teil von Wohnen. Deshalb seien hier grundsätzliche Fragen des menschlichen Miteinanders involviert.
An zwei wagnis-Projekten, nämlich wagnisART und wagnisWEST, machte Gollan exemplarisch konkret, welche Rolle Teilhabe für die Architektur spiele. Bei wagnisART, bezogen 2016, haben sich die Bewohnenden Stück für Stück das Projekt angeeignet und von Anfang an wichtige Entscheidungen mitgetragen. So wurde die Frage, lieber Fußbodenheizung oder lieber Brücken, mit einem eindeutigen Ja zu den Brücken beantwortet. Gollan zeigte auf, dass diese Teilhabe keine neue Errungenschaft sei, sondern schon vor über 100 Jahren bei den neu gegründeten Wohnungsgenossenschaften eine wichtige Rolle spielte. Auch damals ging es den Genoss*innen nicht nur darum, günstig zu wohnen, sondern Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren und mitzugestalten.
Heute gebe es eine breite Palette von Formen der Teilhabe in unterschiedlichen Kontexten, ob Bürgerräte, runde Tische oder die Beteiligung im Bauprozess. Bei allen Beteiligten entstehe die Erfahrung, einander besser kennenzulernen und Vorurteile abzubauen. „Dadurch gewinnen wir unheimlich viel“, sagte Gollan. Guter Diskurs, Inspiration und Informiertheit über Prozesse führten zu einer Akzeptanz von komplexen Entscheidungen. Damit würden Narrative entstehen, die auch für andere, die nicht Teil dieses Prozesses gewesen seien, gelten würden.
In ihrem Vortrag warf die wagnis-Vorständin auch einen Blick auf die Rolle des Architekten. Während im Roman „The Fountainhead“ von Ayn Rand (verfilmt mit Gary Cooper in der Hauptrolle) der Architekt als genialer Schöpfer heroisiert werde, der seine eigenen Visionen durchsetzen müsse, nahm Gollan die Nutzer*innen in den Blick und plädierte für einen ganzheitlichen Ansatz: „Wir sind alle Experten für das Wohnen.“ Gleichzeitig betonte sie den Respekt für die Planenden, die in ihren jeweiligen Bereichen die unabkömmlichen Experten seien. „Wir müssen hier auf Augenhöhe miteinander arbeiten.“
Mit vielen Beispielen aus dem Baugruppenprozess der wagnis machte Gollan die Qualitäten deutlich, die aus der Beteiligung der Wohnenden entstehen. Aus Mitverantwortung und Mitbestimmung gehen Solidarität, Identifikation mit dem Projekt und Gemeinschaftsbildung hervor. Gollan wies darauf hin, dass Teilhabe nicht in allen Leistungsphasen des Planungs- und Bauprozesses permanent durchlaufen könne und Architekturbüros auch nicht 300 Bewohnende während des gesamten Zeitraums coachen könnten. Vor allem am Anfang müssten die Grundlagen gemeinsam getragen werden, wichtig seien insbesondere die Leistungsphasen 0 bis 2.
So beschäftigten sich Baugruppen am Beginn eines Prozesses mit Fragen wie „Wo sehe ich mich in der Gemeinschaft, brauche ich eher Rückzug oder bin ich gern im Zentrum des Geschehens?“ und „Was muss meins sein und was können wir besser in Gemeinschaft?“ Dabei hob Gollan hervor, dass eine angemessen geschützte Privatheit die Basis sei, um in die Gemeinschaft zu gehen.
Gollan zeigte auch die Grenzen von Partizipation auf: Bei wagnis werde keine Selbstverwirklichung in der Steckdose praktiziert, die Wohnungen werden nicht individualisiert und müssten auch für die nachfolgenden Generationen funktionieren: „Wir planen keine Eigentumswohnungen.“ Die Baugruppe müsse wissen, was sie entscheiden könne und wo Spielraum für Gestaltung sei. „Partizipation darf keine Beschäftigungstherapie sein“, warnte Gollan.
Neben der Teilhabe in der Planung engagieren sich die wagnis-Bewohnenden auch bei der Eigenleistung im Bauprozess und bei der Bewirtschaftung im selbstverwalteten Projekt. Gollan berichtete unter anderem von den großen Pflanzaktionen in wagnisART und wagnisWEST, bei denen die Bewohnenden Tausende von Pflanzen im Außenraum setzten. Der Effekt: „Durch das praktische Miteinander-Arbeiten verlieren wir die Schubladen, in die wir uns gegenseitig stecken. Menschen können sich mit ihren Stärken und Fähigkeiten einbringen, erleben – auch über Sprachbarrieren hinweg - Wirksamkeit. Diese Wirksamkeitserfahrung ist entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, resümierte Gollan. Diese Erfahrungen kann auch schon die nächste Generation erleben. Rut Gollan nahm dazu ein Beispiel von wagnisART: Dort hatten die Kinder im Plenum beantragt, Hühner zu halten. In einem ersten Schritt wurden Leihhühner genehmigt, mittlerweile sind fünf Hühner fest eingezogen, um die sich die Kinder in einem Dienstplan kümmern.
Das Fazit von Rut Gollan: „Mehrwert durch Teilhabe hat viele Dimensionen.“ Als Vorteile der Mitwirkung zählte sie auf: Innovation, Inspiration, neue Antworten und Eröffnung von weiteren Spielräumen. „Wir als Fachleute werden dabei genötigt, unsere Planung zu reflektieren und Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu erreichen. Das tut uns gut.“ Die künftigen Bewohnenden würden sich immer wieder für Konzepte und Inhalte starkmachen. Als Folge würden die Entscheidungen durch große Legimitation geprägt und seien langfristig stabil. Das sei zwar ein mitunter mühsamer Prozess, aber am Ende stünden mündige Wohnende.
Dabei verschwieg Gollan nicht, dass in den wagnis-Projekten keine Heiligen wohnen. „Wir streiten um Geld, Dreck und Lärm wie in jeder Nachbarschaft auch. Aber wir haben Werkzeuge zur Kommunikation und zum Diskurs entwickelt, damit wir eher Lösungen finden können.“ Notwendig dafür seien informelle Räume, die nicht perfekt durchdesignt werden sollten, sondern sich verändern und weitergelebt werden könnten - Spielräume.
Den Schlusspunkt setzte sie wieder mit einem Zitat von Martin Heidegger: Menschen müssten Wohnen immer wieder neu lernen. Notwendig sei, sie aus dem Wohnen zu bauen und für das Wohnen zu denken.
Auf der BDA-Veranstaltung referierten außerdem Prof. Dr. Pascale Cancik über Bürokratieabbau, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff über Vertrauenskultur, Monika Thomas, Präsidentin Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung, über normative Gesetzgebung und Kristiaan Borret, Bouwmeester Maître Architecte aus Brüssel, über soft power governance. Die Moderation übernahmen Rainer Hofmann und Sonja Moers (Foto unten Till Budde).