Neues Leben für alte Materialien
Ein Teppich aus Pflastersteinen mitten auf dem Platz; ein Mix von unterschiedlichen Fahrradständern am Eingang des Projekts, und ein Weg, auf dem sich alle paar Meter die Farbe der Pflastersteine wie bei einer Patchworkdecke abwechselt: das und noch viel mehr sticht den Besucher*innen von wagnisWEST sofort ins Auge (Foto unten: Connolly Weber). Eine neue Ästhetik, die ihren eigenen Reiz hat und dieses Projekt in Freiham besonders macht. Im Zuge eines Re-Use-Konzepts kamen hier viele gebrauchte Materialien im Außenraum zum Einsatz, und so haben unter anderem Pflastersteine, Betonelemente, Holzabschnitte, Fahrradständer und Straßenlaternen ein zweites Leben erhalten.
Für die Planung der Freianlagen war das Landschaftsarchitekturbüro bauchplan ).( zuständig; bei unterschiedlichen Projekten, wie zu Beispiel in der Alten Feuerwache in Köln, habe das Büro bereits Erfahrung mit dem Re-Use-Konzept gesammelt, sagt Tatjana Oshima, zuständig für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Die Idee, Materialien wiederzuverwenden, sei in der Architektur angekommen, „für uns lag es auf der Hand, das Konzept im Freiraum konsequent anzuwenden“. Notwendig sei dabei, den gesamten Planungs- und Bauprozess grundlegend neu zu denken. Nach dem Prinzip der Jäger und Sammler gehen alle Mitarbeiter*innen mit offenen Augen durch die Stadt. Manchmal liegen die Sachen quasi vor der Haustür. So entdeckte Florian Otto, Partner bei bauchplan ).(, auf einer Straßenbaustelle in der Nähe seines Hauses Bordsteine, die dort nicht mehr gebraucht wurden. Nun haben einige davon in der Stützmauer vorm Atriumhaus am Hans-Clarin-Weg einen neuen Platz gefunden. Sehr hilfreich war dabei, dass die Landschaftsbaufirma SE-Bau, die die Ausführung der Freianlagen übernommen hat, über ein großes Lager mit vielfältigen Baumaterialien verfügt und viele Optionen anbieten konnte.
Planerin Audrey Boyer von bauchplan ).( leitete das Projekt vor Ort. Das Re-Use-Konzept bringt für die Planer*innen einiges an Mehraufwand mit. „In der Werkplanung haben wir verschiedene Optionen gezeichnet und mehrere Vorschläge für die Baustelle gemacht. Das bedeutet auch mehr Abstimmungsarbeit mit den Auftraggeber*innen.“ Viel Verständnis und Offenheit ist dafür von allen Beteiligten nötig. Die beiden Genossenschaften wagnis und München-West mussten sich auf etwas Neues einlassen: Hier entstand eine Optik, die nicht dem üblichen Katalogstandard entsprach. Auch für die Firmen war es eine Herausforderung, dass mehrere Lösungen möglich waren und sie in ihrer Kreativität gefragt waren. „Manchmal waren die Firmen ein bisschen verloren; sie sind nicht daran gewöhnt, keine fertige Lösung vorgesetzt zu bekommen“, sagt Audrey Boyer. Und letzten Endes weiß man erst am Schluss, wie es aussehen wird.
Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis kann sich sehen lassen: aus den unterschiedlichen Materialien entstand kein beliebiges Sammelsurium, sondern eine eigenständige Ästhetik. Nicht zu vergessen der ökologische Mehrwert: Im Sinne der Kreislaufwirtschaft landeten Dinge nicht auf der Müllhalde, sondern konnten neu genutzt werden. Damit wurden Abfälle vermieden, Ressourcen geschont und CO2-Emissionen eingespart: ein kleiner Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.