Starke Nachbarschaft
Ein typischer Notfallanruf einer alleinerziehenden Mutter: Mein Kind muss aus dem Kindergarten abgeholt werden und ich kann von der Arbeit nicht weg. Für solche Fälle stehen in wagnisWEST freiwillige Helfer*innen bereit. Koordiniert werden sie von Britta Kraus und vier weiteren wagnisWEST-Bewohner*innen im Rahmen der Initiative „Gemeinsam statt einsam – Hand in Hand“.
Britta Kraus (46) ist vor zwei Jahren mit ihrer Tochter Mathilda (10) ins Laubenganghaus eingezogen. Die Schwierigkeiten im Alltag eines alleinerziehenden Elternteils kennt sie nur zu gut: Erschöpfung, Überforderung, schlechtes Gewissen, … Deshalb beschloss sie, einen Alleinerziehenden-Treff zu organisieren. „Ich wollte herausfinden, wie es anderen geht, und mir war wichtig, sie im Projekt sichtbarer zu machen“, erzählt sie. Ihrer Schätzung nach leben zwischen 12 und 14 Haushalte mit alleinerziehenden Elternteilen in wagnisWEST. Sie schlagen sich alle mit den gleichen Problemen herum: Mehrfachbelastung, zu wenig qualitative Zeit mit den Kindern, keine Lücke im Terminkalender, um wieder Kraft schöpfen zu können.
Stiftung Alltagsheldinnen fördert das Projekt
Wie kann ich hier Unterstützung organisieren, überlegte sich die Projektmanagerin. Hier kam die Stiftung Alltagsheldinnen ins Spiel. Diese Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die Situation von Ein-Eltern-Familien zu verbessern, und fördert dazu auch entsprechende Projekte. Mit tatkräftiger Unterstützung von Nachbar*innen entwickelte Britta Kraus das Konzept. Eine wichtige Verbindung entstand dabei durch Jana Ocenas, die selbst Bewohnerin der München-West und bei wagnisWEST zu Hause ist und zugleich den Verein „Generationengerechtes Wohnen“ der Wohnungsgenossenschaft München-West leitet. Gemeinsam wurde das Konzept über den Verein als Förderantrag eingereicht – ein schönes Beispiel dafür, wie aus den in den vergangenen zwei Jahren gewachsenen nachbarschaftlichen Beziehungen konkrete Zusammenarbeit und neue Projekte entstehen können. Der Förderantrag wurde im Dezember 2025 positiv beschieden, 2600 Euro stellte die Stiftung zur Verfügung, um das Konzept ins Laufen zu bringen.
Das war der Auftakt für weitere Aktivitäten: „Wir haben Zettel in jeden Briefkasten geworfen und abgefragt, wer welche Hilfe geben könnte, zum Beispiel beim Einkaufen, bei der Kinderbetreuung, bei handwerklichen Arbeiten, für Hausaufgaben oder für Übersetzungen“, berichtet Britta Kraus. Die Resonanz war groß, viele Hilfsangebote kamen zurück. Eine entsprechende Übersicht ist nun in einem Online-Portal zu finden. Auf dem wagnisWEST-Plenum hat Britta Kraus zusammen mit Arno Busch vorgestellt, wie die Hilfe funktioniert: Wer Unterstützung braucht, kann eine*n von fünf Koordinator*innen kontaktieren, neben Britta Kraus und Arno Busch gehören noch Andrea von Noltein-Busch, Annika Christof-Ansarian und Margret Brosch zum Team. Unterschieden wird nach planbarer Hilfe, die per E-Mail angefragt werden kann, und nach dringenden Anfragen, die per WhatsApp oder Telefon eingehen sollen. Die Koordinator*innen fragen im Helfernetzwerk an, wer Kapazitäten hat, und geben den Kontakt weiter.
Diese Vermittlung hat mehrere Vorteile: Viele Alleinerziehende haben gesagt, nach Hilfe zu fragen sei mit Scham besetzt, denn man wolle niemanden zur Last fallen, so die Erfahrung von Britta Kraus. Auf der anderen Seite sei es auch schwierig, eine Bitte um Hilfe abzulehnen, wenn man direkt angesprochen werde. Eine neutrale Schnittstelle erleichtert es beiden Seiten, um Unterstützung zu bitten bzw. auch einmal Nein zu sagen.
Unterstützung für alle Bewohner*innen
Am meisten nachgefragt werden Hilfe beim Einkauf, handwerkliche Unterstützung und Kinderbetreuung, hat Britta Kraus beobachtet. Sie ist ganz begeistert darüber, was aus der Initiative erwachsen ist, nämlich ein „geniales Nachbarschaftsnetzwerk“. Mittlerweile richtet sie sich nicht nur an Alleinerziehende, sondern an alle Bewohner*innen in wagnisWEST, die in irgendeiner Form Unterstützung brauchen. Das können Senioren sein, Familien, kranke Menschen oder Leute, die wenig Deutsch können, zählt Britta Kraus auf. Noch immer erhält sie Laufzettel zurück von Bewohner*innen, die Hilfe anbieten. Inzwischen sind weitere Verbindungen untereinander entstanden, so dass die Koordinator*innen zum Teil gar nicht mehr kontaktiert werden, wenn Hilfe nötig ist.
Diese Form von Nachbarschaftshilfe lässt sich auch in vielen anderen Projekten machen, ist Britta Kraus überzeugt. „Mein Ziel ist, das raus in die Welt zu tragen. Ich will die Initiative übertragbar machen für andere, wir haben eine gute Dokumentation. Wir stehen gern zur Verfügung und stellen das vor.“
Nach wie vor kümmert sie sich auch noch um weitere Angebote für Alleinerziehende: Einmal im Monat gibt es eine Sport- und Erholungsstunde, wie u.a. Yoga, Klangschalenmeditation oder Feldenkrais. Die Anleitung übernehmen Nachbar*innen aus dem Haus, parallel dazu findet eine Kinderbetreuung statt, so dass sich die Teilnehmer*innen gut auf sich selbst fokussieren können. Ein schönes Beispiel für eine Aktion, die weitere Kreise zieht, ist ein Mal-Workshop, den eine Bewohnerin für Kinder angeboten hat, während die Alleinerziehenden eine Entspannungseinheit hatten. Daraus entstand eine Vernissage im Waschcafé, zu der alle eingeladen waren. Britta Kraus: „Das ist so wertvoll, das bringt Generationen zusammen.“
Kooperationen im Quartier
Außerdem werden alle sechs Wochen Vorträge zu Themen wie Finanzen oder Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht organisiert. Diese Veranstaltungen sind nicht nur auf das Projekt beschränkt, sondern stehen auch Alleinerziehenden aus dem ganzen Stadtteil zur Verfügung. Mittlerweile hat Britta Kraus viele Kontakte ins Quartier geknüpft, so dass Kooperationen mit dem Gesundheitstreff, Anlaufstellen für Alleinerziehende wie SIAF und Haus Dorothee, dem Kulturzentrum Grete und kirchlichen Gemeinden entstanden sind.
Ihre Initiative findet auch von extern Anerkennung, das zeigen die vielen Anfragen, die inzwischen bei ihr eingehen, ob von Start-ups, Forschungsprojekten oder anderen Einrichtungen. Für mehr Sichtbarkeit sollen auch die Bewerbungen sorgen, die sie für den Nachbarschaftspreis der nebenan.de Stiftung und für den Inklusionspreis des Bezirks Oberbayern eingereicht hat. „Wenn wir hier Gelder bekommen, könnten wir noch investieren für Erste-Hilfe- und Anti-Mobbing-Kurse und Weiterbildung im Ehrenamt“, überlegt Britta Kraus. Die Ideen werden ihr noch lange nicht ausgehen.
Foto oben: Zum Koordinationsteam gehören Britta Kraus, Andrea von Noltein-Busch, Margret Brosch, Annika Christof-Ansarian und Arno Busch (v.r.).
Foto unten: Der Flyer der Initiative gibt einen Überblick, wie man Unterstützung bekommen kann.